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SL News kommt – Boulevardnews aus der virtuellen Welt

Erst kürzlich kommentierte ich in der RE an einem Beitrag, und meinte, über kurz oder lang würde der Journalismus ein zum Teil völlig Neues Gesicht bekommen. Klassische Journalisten wären dann nicht mehr gefragt, weil sie sich mit alteingesessenen Themen beschäftigen. Nun straft mich gerade die BILD-Zeitung Lügen. Denn die Redaktion der BILD, sie wird Neuland betreten. Man wird das englischsprachige Boulevardmagazin SL News herausgeben.

Wofür steht das Akronym SL? – Für Second Life. Und gerade das ist das Besondere. Denn: Second Life ist ein Online-Rollenspiel, ein Gemeinschaftsspiel an dem bereits über 1,2 Millionen Menschen weltweit partizipieren. Die Spielgrafik erinnert stark an Formate wie The Sims. Und auch das Gameplay wird wohl so ähnlich sein. Ein perfider Gedanke für manche, das dieses Computerspiel manchem Akteur eine zweite Existenz verschaffen soll?! – Die Registrierung ist kostenlos, einzig viele Gimmicks kosten Geld. Die Spielwährung wird Linden-Dollar genannt. 27 Linden-Dollar soll eine Ausgabe der SL News kosten, umgerechnet ca. 10 US-Cent. Darin soll vom Leben in der Spielwelt von Second Life berichtet werden, boulevardmäßig, wie man das vom Stil der BILD-Zeitung her gewohnt ist. Für andere ist das vielleicht gerade der Kick. Man kann in Second Life auf Land erwerben, Häuser bauen. Es entsteht eine Community, die z. B. ähnlich Youtube, Videos aus der virtuellen Welt präsentiert. Das Spiel selbst bietet Funktionen zur Aufnahme von Spielgeschehen an, und ebenso Tools, um die Bildsequenzen zu bearbeiten.

Und die BILD-Zeitung möchte nun von diesem Hype profitieren. Man möchte Scouts in die Spielwelt schicken, die einem die Zeitung offerieren, und, nachdem man Verträge geschlossen hat, wird man in der Spielwelt von Second Life Zeitungsständer finden, an denen man sich die SL-News besorgen kann. Das Potenzial für Werbung in der SL News kann offensichtlich von deren Machern nicht überinterpretiert werden. Man möchte “reale” Anzeigen verkaufen, und über diesen Umweg eine weitere Einnahmequelle generieren.

Ein interessanter, englischsprachiger Artikel von PopSci.com führt ein in die schier grenzenlos neue Welt von Second Life. Die Welt in Second Life, ihre Infrastruktur, sie wird von den Nutzern selbst aufgebaut. Es ist eine vollkommen neue Art des Vertriebsweges. Angenommen man ist Bandmitglied und produziert seine Musik in MP3-Dateien. In Second Life einfach eine Jukebox irgendwo platziert, mit den MP3s der eigenen Band gefüttert und ein ordentliches Preis-Leistungsverhältnis eingerichtet, schon könnte sich das virtuelle Konto mit Linden-Dollarn füllen. Selbstredend, dass man die hinterher auch wieder in echte, reale Währung umtauschen kann. Es gründen Spieler irgendwelche Gemeinschaften, bauen Versammlungsräume, schaffen virtuelle Geschäftsideen und – ja, verdienen sie sich dabei eine goldene Nase?! Wenn Firmen wie Amazon oder Ebay ihre Produkte in der Welt von Second Life wohlfeil anbieten, und die BILD-Zeitung auch nicht davor zurück schreckt. Die Nachrichtenagentur Reuters zum Beispiel hat erst vor kurzem ihren ersten virtuellen Korrespondenten in die Second Life-Welt entsandt, er heißt Adam Reuters. Im wirklichen Leben heißt er auch Adam mit Vornamen, und wird die virtuelle Umgebung von London aus begehen.
Es war bislang Eines, das man für gewisse Gemeinschaftsspiele, Community-Games eben, Credits erspielt hat, und die dann z. B. gegen Geld bei Ebay versteigerte. Leute, die ein Spiel gut beherrschen konnten sich auf diese Weise ein Zubrot verdienen. Demnächst kann man also in der Second Life-Welt als virtueller Callboy auftreten und irgendwelchen Frauen seine Dienste anbieten. Diese Art von Verkehr würde sich dann auf Ebenen beschränken, die man vom Cybersex her kennt, aber es gibt bestimmt einige Spieler, die sich durchaus auch sexuell mit dieser gedanklichen Ebene zufrieden geben werden. Nicht genug damit, dass wir unsere eigene, reale Welt vor der Haustür haben, jetzt flüchten wir uns in neue, virtuelle Welten und schaffen uns dort ähnliche Problemzusammenhänge. Wollen wir hoffen, dass es dort am Ende vielleicht zu Lösungen kommt, die man auf die reale Sozialstruktur abbilden kann, und somit Synergien zwischen virtueller und realer Welt bilden kann.

Cyberjournalist berichtet davon, dass das Magazin Wired ein virtuelles Gebäude in der Second Life Umgebung errichtet hat, in dem Lesungen gehalten werden und Festivitäten stattfinden sollen. Für all diejenigen, die sich psychologisch wenig selbstbewusst empfinden, ist das ein Weg in eine partielle Gemeinschaft. Der Suchtfaktor allerdings, er muss noch analysiert werden. Wir erinnern uns an die Todesfälle junger World of Warcraft-SpielerInnen in China. Von unserer Natur her sind wir Herdentiere. Allerdings können wir unsere Natur nicht derart überlisten, dass wir ihr mit virtueller Gemeinschaft etwas vorgaukeln. Es sei denn: Wir überlisten die Evolution und passen uns in Windeseile an die neuen Gegebenheiten an.

2 Gedanken zu “SL News kommt – Boulevardnews aus der virtuellen Welt

  1. Pingback: SL boomt - Sajonara.de - Internetmagazin

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